Syrien: Krieg aller gegen alle – Analyse der aktuellen Lage

In Syrien herrscht ein neuer „Krieg aller gegen alle“. Nach fast 15 Jahren Konflikt ist das Land zerrissen und unübersichtlich wie nie. Islamistische Milizen, kurdische Verbände, lokale Minderheiten und ausländische Armeen prallen in wechselnden Allianzen aufeinander. Dieser Bericht beleuchtet die aktuelle Lage in Syrien, die Vorgeschichte des Konflikts, die Faktenlage und die Hintermänner im Hintergrund. Trotz eines neutralen Tons soll ein narrativer Ansatz dem Leser ein lebendiges Bild der Geschehnisse vermitteln.

Aktuelle Lage in Syrien

Syrien befindet sich Ende 2025 in einer neuen Phase heftiger Kämpfe. Mehrere Fronten haben sich geöffnet: Im Norden geraten die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mit sunnitisch-islamistischen Milizen der Übergangsregierung aneinander. In der Großstadt Aleppo kam es kürzlich zu schweren Gefechten zwischen Regierungstruppen und der SDF, wobei Wohnviertel wie Sheikh Maqsud und Ashrafiyeh unter Mörser- und Granatbeschuss gerieten. Mindestens zwei Menschen wurden dort getötet, und viele Zivilisten flohen aus Angst vor weiterer Eskalation.

Gleichzeitig flammt im Süden der Konflikt mit der religiösen Minderheit der Drusen erneut auf. Bereits im Juli 2025 war es in der drusischen Region Suwaida zu blutigen Zusammenstößen gekommen, als lokale Drusengruppen und regierungstreue sunnitische Beduinenmilizen aufeinander losgingen. Regierungseinheiten – nun unter islamistischer Führung – gingen mit Gewalt gegen drusische Ortschaften vor. Obwohl zwischenzeitlich Waffenruhen vermittelt wurden, kam es zu Massakern an drusischen Zivilisten ebenso wie an sunnitischen Stammesangehörigen. Diese Übergriffe haben die Drusengemeinschaft radikalisiert: Ein Teil der drusischen Führer rief zum bewaffneten Widerstand gegen die neue Regierung auf. Die Spannungen im Süden bleiben daher hoch, und immer wieder gibt es Gefechte und Vergeltungsaktionen.

Währenddessen gewinnt der Konflikt auch im Westen und in Zentral-Syrien an Brutalität. In vormals von der Assad-Regierung kontrollierten, mehrheitlich alawitischen Gebieten wurden nach dem Regimewechsel im Dezember 2024 zahlreiche Übergriffe gemeldet. Kämpfer der neuen Machthaber, die aus der dschihadistischen HTS-Miliz hervorgegangen sind, sollen in Teilen des Küstengebiets und um Homs Massaker an Alawiten und Christen verübt haben. Diese Racheakte gegen Anhänger der alten Führung haben die tiefe Spaltung des Landes weiter verschärft.

Insgesamt beobachtet man derzeit ein besorgniserregendes Mobilmachungsfieber auf allen Seiten. Nachdem sowohl die Drusen im Süden als auch die Kurden/SDF im Norden angegriffen wurden, rufen diverse Akteure zu neuer Aufrüstung auf. Arabische Stammesführer im Osten Syriens erklärten einen „Jihad“ und Generalmobilmachung gegen die SDF und stellten sich offen auf die Seite der neuen sunnitischen Regierung. Im Gegenzug verstärkte die SDF ihre Verbände entlang der Kontaktlinien, insbesondere am Euphrat, um das entstehende Sicherheitsvakuum durch den Teilabzug der US-Truppen zu füllen. In Aleppo und Raqqa brachte die Übergangsregierung zusätzliche Panzer und schweres Gerät in Stellung, was die Kurden wiederum zu eigenen Gegenmaßnahmen veranlasste. Beide Seiten werfen sich vor, eine landesweite Waffenruhe aus dem März-Abkommen gebrochen zu haben. Die Situation ist explosiv – viele Beobachter fürchten eine weitere Eskalation zu einem Flächenbrand, in dem jeder gegen jeden kämpft.

Unterdessen mischen auch ausländische Mächte wieder direkt mit. Die Türkei hat Anfang Dezember 2025 begonnen, verstärkt Truppen in den Norden Syriens zu verlegen. In der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember überquerten mehrere große türkische Militärkonvois die Grenze und fuhren in drei Richtungen: in die Region Afrin, nach Serêkaniyê (Ras al-Ain) und in das Gebiet nördlich von Aleppo. Videos zeigten türkische Panzerverbände auf dem Weg zur strategisch wichtigen Stadt Manbidsch, die bereits seit etwa einem Jahr unter Kontrolle pro-türkischer Milizen steht. Zeitgleich verstärkte auch die neue syrische Übergangsregierung – von Islamisten dominiert – ihre Truppenpräsenz. So wurden z.B. in Deir ez-Zor im Osten zusätzliche Einheiten (darunter die berüchtigte 86. Division) mit Artillerie und Drohnen stationiert. Beobachter vermuten einen koordinierten Vorstoß Ankaras und Damaskus’ neuer Machthaber gegen die Kurdengebiete. Die türkische Regierung schweigt bislang zu ihren Zielen, doch sie hat in der Vergangenheit jede Ausweitung kurdischer Autonomie mit Militäreinsätzen beantwortet.

Insgesamt bietet Syrien derzeit ein Bild des Chaos: Eine offiziell eingesetzte Übergangsregierung in Damaskus – hervorgegangen aus ehemals radikalislamistischen Rebellen – ringt einerseits mit den verbliebenen kurdischen Autonomiegebieten um die Staatsgewalt. Gleichzeitig muss sie die Lage in den von Minderheiten bewohnten Regionen (Alawiten, Drusen, Christen) unter Kontrolle bringen, wo ihre Legitimität stark angezweifelt wird. Der islamistische Charakter der neuen Führung hat zu Aufständen und Forderungen nach Selbstverwaltung seitens dieser Minderheiten geführt. Zusätzlich bedroht der nach wie vor aktive IS (Islamische Staat) die Stabilität, vor allem in Wüstenregionen, wo zuletzt vermehrt Anschläge gemeldet wurden (die SDF sieht darin einen Versuch der Dschihadisten, vom Chaos zu profitieren). In Idlib und anderen Landesteilen agieren verschiedenste Warlords mit lokalen Milizen, teils unabhängig, teils im Bündnis mit größeren Fraktionen.

Kurzum: Syrien Ende 2025 gleicht einem zersplitterten Schlachtfeld, auf dem jede Gruppe um ihr Überleben und ihren Einfluss kämpft. Die Hoffnung auf Frieden – etwa durch eine Integration der Kurden oder Versöhnung mit den Minderheiten – hat in den letzten Wochen stark gelitten. Stattdessen droht eine neue Runde umfassender Gewalt in einem Land, das bereits unermessliches Leid erfahren hat.

Vorgeschichte des Konflikts

Um die aktuelle Lage zu verstehen, ist ein Blick auf die Vorgeschichte wichtig. Der syrische Bürgerkrieg begann 2011 mit friedlichen Protesten gegen das autoritäre Regime von Präsident Baschar al-Assad. Die Regierung schlug diese Proteste brutal nieder, was einen landesweiten Aufstand auslöste. Aus zunächst spontanen Revolten formierte sich eine bewaffnete Opposition, teils bestehend aus abtrünnigen Soldaten (Freie Syrische Armee), teils aus islamistischen Freiwilligen. In den folgenden Jahren weitete sich der Konflikt zu einem vielschichtigen Krieg aus: die Regierung gegen verschiedene Rebellengruppen, Rebellengruppen untereinander, und ab 2014 der Aufstieg der Terrormiliz IS als dritter Akteur.

Früh mischten ausländische Mächte mit und machten Syrien zum Stellvertreterkrieg. Die USA, einige NATO-Staaten und die Golfstaaten unterstützten verschiedene Aufstandsgruppen mit Geld, Waffen und Ausbildung, in der Hoffnung auf einen Sturz Assads. Auf der anderen Seite stellten sich Russland und der Iran hinter das Assad-Regime und leisteten ab 2012/13 finanzielle, ab 2015 auch massive militärische Hilfe (iranische Milizen am Boden, russische Luftwaffe). Diese internationale Einmischung heizte den Krieg an und zog ihn in die Länge.

Eine entscheidende Zäsur war das Jahr 2014/15, als der sogenannte Islamische Staat (IS) weite Teile Syriens und des Irak eroberte und ein Kalifat ausrief. Der Kampf gegen den IS brachte eine neue Koalition ins Spiel: Die von Kurden angeführte SDF (inklusive der kurdischen YPG-Miliz) wurde zum Hauptverbündeten der USA im Kampf gegen den IS. Im Gegenzug intensivierte Russland seine Unterstützung für Assad, um das Regime zu retten. 2016–2017 gelang es mit russisch-iranischer Hilfe, Aleppo und andere Rebellenhochburgen zurückzuerobern. Assad kontrollierte ab 2018 wieder den Großteil Westsyriens, während im Norden entlang der türkischen Grenze weiterhin teils islamistische Rebellen (unter türkischem Schutz) herrschten und im Nordosten die Kurden faktisch autonom waren.

Waffenruhen und Friedensgespräche (Genf, Astana) brachten keine dauerhafte Lösung, sondern froren den Konflikt nur regional ein. Ab 2020 herrschte in vielen Landesteilen ein angespanntes Patt: Assad saß in Damaskus, aber Idlib blieb unter HTS/islamistischer Kontrolle, die Türkei besetzte Grenzstreifen (Afrin, al-Bab, Ras al-Ain) und die SDF verwaltete den Nordosten. Millionen Syrer lebten da bereits in Flüchtlingslagern oder im Exil, während die Wirtschaft ruinös war.

Die große Wende kam Ende 2024: Interne Unzufriedenheit und erschöpfte Ressourcen schwächten Assads Herrschaft. Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) – eine dschihadistische Koalition unter Abu Muhammad al-Jolani – nutzte die Gunst der Stunde. Am 27. November 2024 startete HTS einen überraschenden Großangriff im Nordwesten. Regimetruppen, demoralisiert und dünn besetzt, leisteten kaum Widerstand und zogen sich hastig zurück. In wenigen Tagen eroberten die HTS-Kämpfer zusammen mit verbündeten Rebellen große Teile Syriens. Am 8. Dezember 2024 fiel schließlich die Hauptstadt Damaskus an diese Allianz. Baschar al-Assad und sein engster Zirkel wurden entmachtet – nach über 50 Jahren endete die Herrschaft der Assad-Familie abrupt. Russland und Iran konnten die Niederlage ihres Verbündeten nicht verhindern; Gerüchten zufolge evakuierte Russland sein Militärpersonal und zog sich ins Latakia-Gebiet zurück, während iranische Milizen teilweise in den Untergrund gingen.

Nach Assads Sturz trat eine Übergangsregierung auf den Plan, die das Machtvakuum füllen sollte. Diese Regierung formierte sich aus der sunnitischen Oppositionskoalition, die nun den Sieg davongetragen hatte. Zum Präsidenten wurde ein gewisser Ahmed al-Sharaa ernannt – hinter diesem Namen verbarg sich offenbar kein Geringerer als HTS-Chef Jolani selbst. Tatsächlich hatte der einstige Al-Qaida-Ableger HTS den größten Teil der neuen Machtelite gestellt: Sie integrierten zahlreiche frühere oppositionelle Politiker und Militärs (auch aus moderaten Gruppen), blieben aber ideologisch von Jolani geprägt. Die neue „Syrische Übergangsregierung“ kontrollierte bald rund 60 % des Territoriums – nämlich alle Gebiete, die bis dahin Assad unterstanden hatten. Die restlichen Landesteile waren in Hand der SDF/Autonomieverwaltung (im Nordosten, etwa 30 %) oder unter direkter türkischer Besatzung bzw. von deren Milizen kontrolliert (Gebiete entlang der Nordgrenze).

Um einen neuen Bürgerkrieg zwischen den Siegern zu vermeiden, bemühte sich die Übergangsregierung, Allianzen zu schmieden. Schon bis Februar 2025 wurden rund 100 verschiedene Milizen und Fraktionen – auch ehemals vom Westen unterstützte Freie Syrische Armee (FSA) Einheiten – in eine neue Nationalarmee überführt. Sogar Teile der alten syrischen Armee liefen über und wurden integriert. Internationale Akteure versuchten, Einfluss auf die Nachkriegsordnung zu nehmen: Washington vermittelte im März 2025 ein Abkommen zwischen der neuen Zentralregierung und der kurdischen SDF. SDF-Kommandeur Mazloum Abdi einigte sich mit Präsident al-Sharaa (Jolani) auf einen Plan zur Wiedereingliederung der kurdischen Gebiete in den syrischen Staat. Die Kurden sollten Autonomierechte und eine Beteiligung an der Regierung erhalten, im Gegenzug würde die SDF formell in die nationalen Streitkräfte integriert. Dieses Abkommen weckte damals Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden, zumindest zwischen Arabern und Kurden in Syrien.

Doch die Realität erwies sich als komplizierter: Schon wenige Monate nach der Euphorie traten Spannungen zutage. Die islamistische Übergangsregierung zögerte, den Kurden echte Autonomie oder den Minderheiten gleiche Rechte einzuräumen. Gleichzeitig drängte die Türkei – die als Schutzmacht vieler sunnitischer Milizen auftrat – darauf, den Einfluss der Kurden zu begrenzen. Bis zum Sommer 2025 hatten sich daher neue Frontlinien gebildet: In drusischen und alawitischen Regionen brachen lokale Aufstände gegen die von Sunniten dominierte Regierung aus, und im Herbst 2025 kam es schließlich zu ersten Gefechten zwischen der Übergangsregierung und der SDF – trotz des Integrationsabkommens. Dieser Zerfall der Einheitsbemühungen hat die aktuelle „alle gegen alle“-Situation heraufbeschworen.

Faktenlage: Opfer, Akteure und Interessen

Die Faktenlage in Syrien ist ebenso erschütternd wie komplex. Der Krieg seit 2011 hat laut Beobachtern bisher über 528.000 Todesopfer gefordert – die meisten davon Zivilisten, die zwischen die Fronten gerieten. Millionen weitere Menschen wurden verletzt, traumatisiert oder vertrieben. Etwa 6,6 Millionen Syrer flohen ins Ausland, vor allem in die Nachbarländer Türkei, Libanon und Jordanien, aber viele auch nach Europa. Weitere 6 Millionen sind Binnenvertriebene, die innerhalb Syriens ihre Heimat verlassen mussten. Ganze Städte – einst blühende Orte wie Aleppo, Homs oder Raqqa – liegen in Trümmern.

Wer kämpft gegen wen? Die aktuelle Gemengelage lässt sich vereinfacht so beschreiben: Auf der einen Seite steht die Syrische Übergangsregierung, die formal das ganze Land regieren will. Sie besteht zum Großteil aus früheren Oppositionsmilizen und islamistischen Gruppen, allen voran Hay’at Tahrir al-Sham (HTS), die dominant ist. HTS wiederum ging aus dem Al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra hervor und hatte bereits in den letzten Jahren das Idlib-Gebiet kontrolliert. Ihr Anführer, Abu Muhammad al-Jolani (alias Ahmed al-Sharaa), sitzt nun als selbsternannter Präsident in Damaskus. Obwohl die Übergangsregierung sich nach außen als „neu“ gibt, sind säkulare oder minderheitenvertreter dort kaum vertreten – keine ranghohen Offiziere gehören etwa den Alawiten, Christen oder Drusen an. Dies untergräbt ihre Akzeptanz bei diesen Gemeinschaften.

Gegenüber steht die Autonome Administration Nord- und Ostsyriens (AANES) unter Führung der Kurden. Diese Verwaltung der SDF/YPG kontrolliert de facto noch den Nordosten des Landes, einschließlich großer Ölfelder und landwirtschaftlicher Flächen. Offiziell hat sie dem März-Integrationsdeal zugestimmt, doch in der Praxis behält sie ihre Strukturen vorerst bei. Mazloum Abdi und andere kurdische Kommandanten verlangen Garantien für Minderheitenrechte und föderale Strukturen, bevor sie vollständig in der neuen Zentralregierung aufgehen – doch Präsident al-Sharaa beharrt auf einem zentralistischen Staatsmodell. Diese ungeklärten Differenzen sind der Kern der aktuellen Spannungen zwischen SDF und Regierung.

Daneben gibt es weitere Akteure: In den von der Übergangsregierung beherrschten Gebieten operieren diverse sunnitische Milizen mit teils eigener Agenda – z.B. ehemalige Freie Armee-Einheiten oder Stammesmilizen, die mal mehr, mal weniger in die Befehlskette eingebunden sind. Einige radikalere Gruppen lehnen den Friedenskurs mit den Kurden ab und drängen auf eine gewaltsame „Einheit“ Syriens. IS-Terrorzellen nutzen das Chaos und führen Anschläge vor allem im Osten aus, was wiederum als Vorwand dient, um Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen.

Die humanitäre Lage bleibt katastrophal. In vielen Regionen fehlt es an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Hilfsorganisationen haben nur eingeschränkten Zugang. Der Winter 2025/26 droht besonders hart zu werden, da Treibstoffknappheit herrscht – auch, weil manche Routen (etwa aus Aleppo Richtung Türkei) wegen der Kämpfe blockiert sind.

Trotz all dieser Wirren bemüht sich die internationale Gemeinschaft um Schadensbegrenzung. Im Oktober 2025 wurde eine landesweite Waffenruhe ausgehandelt und sogar von beiden Seiten unterzeichnet. Doch bereits wenige Wochen später kam es zu Verstößen, etwa in Aleppo und Deir ez-Zor. Ein Stabilitätsfaktor bleibt die Präsenz von US-Truppen im Nordosten – allerdings hat Washington einen Großteil seiner Soldaten 2025 abgezogen, was das oben erwähnte Sicherheitsvakuum entstehen ließ. Russland, früher Schutzmacht Assads, spielt derzeit öffentlich kaum noch eine Rolle, hält aber noch militärische Posten an der Küste. Israel wiederum hat die Gunst der Stunde genutzt und Teile des südlichen Grenzgebiets (Golan-Vorland) militärisch besetzt, angeblich um dortige Drusen zu schützen. Dieser Schritt hat der Übergangsregierung zusätzliche Sorgen bereitet, da sie Israel Aggression vorwirft. Insgesamt ist die Souveränität Syriens also weiterhin stark eingeschränkt.

Fakt ist: Das Land ist zersplittert in Einflusszonen. Weder der neue Machthaber Jolani/al-Sharaa noch die kurdischen Führungspersonen noch externe Akteure haben die vollständige Kontrolle. Die Gefahr eines Flächenbrandes – eines neuen umfassenden Krieges – ist real, falls keine politische Lösung gefunden wird. Schon jetzt sprechen Analysten von einem „Mini-Jugoslawien“: Verschiedene Ethnien, Konfessionen und Ideologien kämpfen um die Nachfolge des alten Regimes, während Großmächte im Hintergrund mit den Muskeln spielen.

Hintermänner und externe Akteure

Hinter dem offensichtlichen Kampfgeschehen in Syrien agieren diverse Hintermänner – Staaten und Geheimdienste, die ihre Interessen verfolgen. Dieser Konflikt war von Anfang an ein geopolitisches Schachbrett, und das ist er bis heute geblieben.

Zunächst zu den westlichen Akteuren, insbesondere den USA: Bereits unter Präsident Barack Obama ab 2011 unterstützten die USA bestimmte Rebellengruppen gegen Assad. Eine CIA-Operation (Codename Timber Sycamore) speiste Waffen an Aufständische, während parallel das Pentagon andere Milizen trainierte – allerdings mit Fokus auf den Anti-IS-Kampf. Dieses ungleichzeitige Engagement führte zu bizarren Folgen: 2016 beispielsweise kam es tatsächlich vor, dass CIA-finanzierte Rebellen mit Pentagon-unterstützten Einheiten Gefechte lieferten. Laut einem Bericht schossen CIA-ausgerüstete Einheiten und Pentagon-verbündete Kurdenmilizen bei Aleppo aufeinander, was die Widersprüche der US-Strategie offenlegte. Die US-Regierung versuchte, auf zwei Hochzeiten zu tanzen: Einerseits wollte sie Assad stürzen (und unterstützte teils islamistisch geprägte Rebellen wie etwa die später dominante HTS zumindest indirekt), andererseits kämpfte sie gegen den IS (wofür sie sich auf die kurdische SDF stützte). Dieses widersprüchliche Vorgehen der unterschiedlichen US-Behörden (CIA vs. Verteidigungsministerium) trug mit dazu bei, dass sich in Syrien verschiedene von den USA beeinflusste Gruppen gegenseitig bekämpften. Washingtons Eingreifen hinterließ somit ein ambivalentes Erbe.

Die NATO-Verbündeten folgten im Großen und Ganzen der US-Linie. Großbritannien und Frankreich flogen zeitweise Luftangriffe auf IS-Stellungen und unterstützten ebenfalls Teile der Opposition politisch. Auch sie waren jedoch nicht bereit, massiv einzugreifen, um ein Machtvakuum zu verhindern. Als die USA sich zunehmend zurückzogen (spätestens ab 2019 unter Trump und dann die endgültige Abzugsentscheidung 2023/24 unter Biden), entstand genau dieses Vakuum, das nun islamistische Kräfte füllen. Kritiker weisen darauf hin, dass westliche Demokratien – insbesondere die US-Demokratische Partei unter Obama – zwar Assad schwächen wollten, aber keinen Plan für die Zeit danach hatten. Barack Obama selbst bezeichnete Jahre später das Libyen-Abenteuer von 2011 (wo ein ähnliches Schema ablief) als den „größten Fehler meiner Präsidentschaft“, da man den Tag danach nicht geplant habe. Auch in Syrien sehen viele das westliche Zögern und Zaudern als mitverantwortlich für das jetzige Chaos. Obama hatte zwar rote Linien (etwa bei Chemiewaffeneinsätzen) gezogen, diese aber letztlich nicht mit Gewalt durchgesetzt – was sein Ansehen beschädigte und radikale Kräfte ermutigte. Die Übergangsregierung in Damaskus – obwohl Gegner Assads – nutzt diese Erzählung propagandistisch: Sie erinnert daran, dass Syrien bis zu den westlichen Interventionen intakt war und gibt den USA die Schuld an der Zerstörung des Landes.

Auf der anderen Seite stehen die Unterstützer des alten Regimes, allen voran Russland und Iran. Deren Rolle als „Hintermänner“ trat vor allem in den Jahren 2015 bis 2021 offen zutage, als sie Assad militärisch retteten. Russland bombardierte Rebellengebiete und schützte Assad diplomatisch (z.B. durch Vetos im UN-Sicherheitsrat). Iran entsandte Tausende Kämpfer (Revolutionsgarden, schiitische Milizen aus dem Irak und Libanon/Hisbollah), um an Assads Seite zu kämpfen. Ohne diese Hilfe wäre Damaskus wohl schon früher gefallen. Allerdings haben Russland und Iran den Sturz Assads Ende 2024 nicht abwenden können – teils wegen ihrer Bindung in andere Konflikte (Ukraine für Russland), teils wegen der raschen Dynamik. Moskau wurde von dem Blitz-Vormarsch der HTS-geführten Rebellen überrascht. Es verzichtete offenbar darauf, sich in letzter Minute in einen offenen Krieg mit der Türkei oder gar den USA zu verwickeln, die hinter den Kulissen den Übergang abnickten. Somit verloren die Russen ihren Verbündeten in Damaskus und damit erheblichen Einfluss. Doch gänzlich verschwunden sind sie nicht: Gerüchten zufolge unterstützt Russland nun im Hintergrund einige Alawitische Milizen an der Küste, die einen lokalen Widerstand gegen die neue Ordnung organisieren (eine Art Assad-nostalgische Guerilla). Der Iran hingegen hat Interesse, seinen Einfluss auf schiitische Gemeinden in Syrien zu retten. Einige pro-iranische Zellen sollen im Osten Syriens weiterhin aktiv sein und dort Spannungen mit den nun sunnitisch geprägten Behörden schüren.

Ein weiterer zentraler Hintermann ist die Türkei. Ankara verfolgte von Anfang an eine eigene Agenda: Man unterstützte die sunnitisch-islamistischen Oppositionellen, zunächst um Assad loszuwerden, vor allem aber, um kurdischen Einfluss zu begrenzen. Präsident Erdoğan betrachtete die kurdische YPG (und später SDF) als Terrorableger der PKK und hat mehrfach militärisch interveniert (2016, 2018, 2019) um kurdische Gebiete entlang seiner Grenze zu besetzen. Die Türkei finanzierte, trainierte und bewaffnete zahlreiche syrische Rebellen (zusammengefasst in der Syrischen Nationalarmee, SNA). Diese Truppen kämpfen bis heute an vorderster Front gegen die Kurden. Nach Assads Sturz positionierte sich Ankara als Schutzpatron der neuen sunnitischen Regierung. Im September 2025 wurde sogar ein Sicherheitsabkommen bekannt, wonach die Türkei Tausende syrische Soldaten der Übergangsregierung ausbildet und mit Ausrüstung unterstützt. Die Entsendung türkischer Truppen Anfang Dezember 2025 (siehe oben) ist ein klares Signal, dass Erdoğan bereit ist, notfalls selbst militärisch einzugreifen, um seine Interessen zu wahren. Ankaras Ziel ist eindeutig: Die Zerschlagung der kurdischen Autonomie und die Sicherung von Einflusszonen in Nordsyrien. Daneben hat die Türkei auch innenpolitische Motive – sie will die syrischen Flüchtlinge im eigenen Land perspektivisch zurückführen können und braucht dafür ein ihr genehmes Regime in Damaskus. Die Folge dieser türkischen Agenda ist eine weitere Internationalisierung des Konflikts: Syrien bleibt ein Spielfeld, auf dem Ankara seinen Machtanspruch ausübt, sehr zum Unmut etwa der Kurden und auch mancher westlicher Staaten.

Auch andere Regionalmächte mischen mit. Die Golfstaaten (insbesondere Katar und Saudi-Arabien) haben in früheren Jahren massiv Geld an sunnitische Rebellengruppen fließen lassen. Katar stand Jolani (HTS) nahe und finanzierte dessen Herrschaft in Idlib, während Saudi-Arabien eher auf salafistische Stämme in Ost-Syrien setzte. Im aktuellen Szenario scheinen beide vorsichtig: Riad hat Ende 2024 eine Annäherung an Assad versucht, wurde dann aber vom Regimewechsel überrascht. Nun beobachtet es misstrauisch, wie sich ein eventuell noch islamistischeres Regime in Damaskus etabliert – was eigentlich nicht Saudi-Arabiens Wunsch entspricht, da man Muslimbrüder und Al-Qaida nahestehende Elemente ablehnt. Katar hingegen könnte seinen Einfluss halten, da es schon zuvor HTS begünstigte. Israel schließlich handelt opportunistisch: Es nutzt das Chaos, um alte Feinde (iranische Präsenz) zu bekämpfen und der neuen Regierung Bedingungen zu diktieren (Schutz der Drusen, Sicherheitszone im Süden). Im Juli 2025 griff die israelische Luftwaffe in die Kämpfe in Suwaida ein und bombardierte regierungstreue Truppen, um die Drusengemeinden zu schützen. Dies hat die Übergangsregierung geschwächt und gezeigt, dass Israel weiterhin ein Faktor ist – offiziell begründet mit Selbstverteidigung, de facto aber um Einfluss in einem Nachbarland geltend zu machen.

Summa summarum haben die Eingriffe externer Akteure Syrien in den Zustand versetzt, den wir heute sehen: Ein zerrissenes Land voller Waffen und Milizen, in dem die einheimische Bevölkerung zum Spielball fremder Interessen wurde. Die USA und NATO-Staaten hinterließen – so die Kritik vieler – einen politischen und militärischen Vakuumzustand, in dem Islamisten und Warlords aufsteigen konnten. Ähnliche Dynamiken waren bereits im Irak nach 2003, in Libyen nach 2011 und in Afghanistan nach 2021 zu beobachten. In Libyen etwa stürzte die NATO zwar Gaddafi, ließ aber dann rivalisierende Milizen zurück, die das Land ins Chaos stürzten – Milizen, die das Machtvakuum füllten, wurden dort zur größten Bedrohung für Sicherheit und Menschenrechte. In Afghanistan kehrten nach dem Abzug der Westmächte die Taliban zurück an die Macht (2021) und extremistischer Terror erhielt neuen Auftrieb. Diese Beispiele dienen nun in der syrischen öffentlichen Debatte als Warnung und Erklärung zugleich: Das Schicksal Syriens sei ein weiteres Kapitel jener gescheiterten Interventionen, die zwar Regime zu Fall bringen, aber keine Stabilität bringen, so der Vorwurf.

Die Übergangsregierung in Syrien nutzt diese Narrative, um sich selbst zu legitimieren: Sie präsentiert sich als notwendige Ordnungsmacht nach dem Versagen der internationalen Akteure. Doch zugleich kann sie nicht verbergen, dass sie ohne die Unterstützung der Türkei kaum handlungsfähig wäre und intern auf einem fragilen Bündnis sehr verschiedener Gruppen beruht. Ihr Anführer Jolani versucht, vom Dschihadisten zum Staatsmann zu werden – er gibt sich gemäßigter, trug in TV-Interviews sogar Anzug statt Kampfmontur. Dennoch ist das Misstrauen groß, ob ein ehemals Al-Qaida-naher Milizenchef wirklich ein demokratisches, inklusives Syrien führen kann.

Fazit: Im Hintergrund des syrischen Konflikts ziehen viele Mächte an den Fäden. Geheimdienste (allen voran CIA, aber sicher auch russische GRU, iranische Quds-Brigaden und andere) haben Einflussnetzwerke geknüpft. Finanziers aus dem Ausland, ideologische Förderer und politische Interessen treffen aufeinander. Die Syrer selbst – ob Araber, Kurden, Alawiten oder Drusen – stehen vor der Aufgabe, ihr Land aus den Klauen dieser Einflussnahme zu befreien und einen Modus Vivendi zu finden. Angesichts der aktuellen Eskalation erscheint dies jedoch als ferne Hoffnung.

Ausblick

Syrien erlebt im ausgehenden Jahr 2025 einen traurigen Tiefpunkt: Statt Frieden herrscht ein zerfranster Multi-Fronten-Krieg. Alle gegen alle – so lautet die bittere Formel, die viele Syriens Zukunft bestimmen sehen. Die Vorgeschichte aus Aufstand, Stellvertreterkrieg und Regimekollaps bildet den Boden für die heutigen Kämpfe. Die Fakten zeigen eine humanitäre Tragödie und ein politisches Vakuum, das Extremisten füllen konnten. Und die Hintermänner im Schatten – von Washington über Ankara bis Moskau und Teheran – haben mit ihren kalkulierten Schachzügen oft nur weiteres Leid gebracht.

Dennoch gibt es Stimmen der Hoffnung: Einige Syrer, ob Kurden, Araber oder Angehörige von Minderheiten, suchen nach lokalen Waffenruhen und Verständigung über die Fronten hinweg. Internationale Diplomaten arbeiten daran, den brüchigen März-Deal doch noch zu retten und in einen echten Friedensprozess zu überführen. Ob dies gelingt, ist ungewiss. Sicher ist: Die Welt darf Syrien nicht vergessen. Denn die Lektion aus diesem Konflikt – wie aus Irak, Libyen und Afghanistan – lautet, dass ein zerstörtes Land, sich selbst überlassen, zum Nährboden für endlose Kriege wird, deren Auswirkungen weit über die Grenzen hinaus spürbar sind.

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