Zwei Zustände, die sich eigentlich ausschließen
In der Lehrbuchphysik gelten Supraleitung und Magnetismus lange als natürliche Gegenspieler. Supraleiter verdrängen Magnetfelder (Meißner-Effekt), während ferromagnetische Materialien selbst stark magnetisch sind – beides gleichzeitig im selben System schien über Jahrzehnte nur in fein abgestimmten Hybriden möglich.
Neue Experimente an zweidimensionalen Quantenmaterialien wie rhomboedrischem Graphen und verdrehtem Molybdänditellurid (MoTe₂) haben diese Sicht jedoch ins Wanken gebracht: Unter bestimmten Bedingungen tauchen dort sowohl magnetische Effekte als auch supraleitende Zustände im selben Parameterbereich auf. Eine Theoriegruppe am MIT schlägt nun eine radikale Erklärung vor – die exotischen Quasiteilchen Anyons könnten der fehlende Schlüssel sein.
Hintergrund: Warum Magnetismus und Supraleitung sich „beißen“
Supraleiter und der Meißner-Effekt
In einem klassischen Supraleiter fließt elektrischer Strom ohne Widerstand, weil sich Elektronen zu sogenannten Cooper-Paaren zusammenschließen. Diese Paare reagieren empfindlich auf Magnetfelder:
- Starke Magnetisierung zerstört normalerweise den supraleitenden Zustand.
- Der Meißner-Effekt sorgt dafür, dass ein ideales supraleitendes Material Magnetfelder aus seinem Inneren verdrängt.
Deshalb galten ferromagnetische Ordnung und Supraleitung lange als schwer vereinbar, außer wenn sie räumlich streng voneinander getrennt oder in speziellen Mehrkomponenten-Systemen realisiert werden.
Frühere Sonderfälle der Koexistenz
Es gibt zwar bekannte Beispiele, in denen beide Phänomene im selben Material auftreten, etwa in einigen Schwerfermionen-Verbindungen oder in fein konstruierten Grenzflächen zweier Oxide. Typischerweise beruhen diese Systeme aber auf:
- phasengetrennter Ordnung (unterschiedliche Domänen),
- komplexen Vielkomponentenstrukturen,
- oder speziellen Temperatur- und Druckfenstern.
Die jetzt diskutierten zweidimensionalen Materialien sind anders: Sie zeigen Hinweise auf gleichzeitige topologische Magnetzustände und Supraleitung innerhalb desselben elektronischen Systems.
Die neuen Experimente: Rhomboedrischer Graphen und MoTe₂
Elektronen in 2D-Materialien spielen verrückt
In stark kontrollierten, zweidimensionalen Systemen wie verdrehten Moiré-Strukturen können Elektronen extrem ungewöhnliche kollektive Zustände ausbilden. Dazu zählen:
- fraktionierte Quanten-Hall-Phasen,
- topologische Magnetzustände (anomalous Hall),
- und unkonventionelle Supraleitung.
In Twisted MoTe₂ und rhomboedrischem Graphen berichten Gruppen von:
- Signaturen eines fraktionierten Quanten-anomalen-Hall-Effekts (FQAH),
- magnetischen Eigenschaften ohne externes Feld,
- sowie supraleitenden Übergängen in benachbarten oder überlappenden Dichtebereichen.
Diese Kombination war theoretisch bisher nur schwer zu fassen, da Magnetismus und Supraleitung eigentlich konkurrierende Tendenzen besitzen.
Ein enger Parameterbereich mit Überraschungen
Besonders spannend sind kleine Bereiche in den Phasendiagrammen dieser Materialien, in denen:
- ein topologischer Hall-Zustand (magnetisch) und
- ein supraleitender Zustand
direkt nebeneinander oder sogar überlappend auftreten.
Gerade Twisted MoTe₂ zeigt ein schmales Plateau fraktionierter Hall-Leitfähigkeit, flankiert von Regionen, in denen supraleitendes Verhalten gemessen wurde – bei im Wesentlichen denselben äußeren Bedingungen, nur leicht variierender Ladungsdichte.
Anyonen: Die „dritte Sorte“ Teilchen in 2D
Weder Fermion noch Boson
In der vertrauten dreidimensionalen Welt gibt es zwei fundamentale Teilchentypen:
- Fermionen (z.B. Elektronen), die dem Pauli-Prinzip gehorchen.
- Bosonen (z.B. Photonen), die sich gerne im selben Zustand „stapeln“ und kollektive Phänomene wie Laserlicht oder Superfluidität ermöglichen.
In streng zweidimensionalen Systemen sind theoretisch noch exotischere Quasiteilchen möglich: Anyons.
- Sie tragen Bruchteile der elektrischen Ladung eines Elektrons.
- Ihre Austauschstatistik liegt zwischen Fermionen und Bosonen.
- Sie entstehen als kollektive Anregungen in stark korrelierten, topologischen Zuständen, etwa im fraktionierten Quanten-Hall-Effekt.
Fraktionierte Ladung: 1/3 und 2/3 des Elektrons
In MoTe₂ und ähnlichen Systemen legen Experimente nahe, dass Elektronen sich in Bruchstücke aufspalten, die eine effektive Ladung von etwa 1/3 oder 2/3 einer Elementarladung besitzen.
- 1/3-Ladungs-Anyonen verhalten sich eher träge und frustriert – sie kollidieren mit der Geometrie des Systems, was kollektive Bewegung erschwert.
- 2/3-Ladungs-Anyonen dagegen können unter bestimmten Bedingungen gemeinsam „in Fluss geraten“.
Genau dieser kollektive Fluss ist der Kern der neuen MIT-Theorie zur supraleitenden Anyon-Phase.
Die MIT-Theorie: Supraleitung durch Anyonen
Superconducting Anyons als neue Materieform
Theoretische Physiker am MIT haben mit Methoden der Quantenfeldtheorie untersucht, unter welchen Bedingungen Anyonen in zweidimensionalen Materialien nicht nur existieren, sondern gemeinsam einen supraleitenden Zustand ausbilden können.
Die zentrale Idee:
- In bestimmten topologischen Phasen bilden sich Anyonen als Bruchstücke von Elektronen.
- Dominieren 2/3‑Ladungs-Anyonen, können diese sich zu einem kollektiven, widerstandsfreien Strom organisieren – eine Art anyonengetriebene Supraleitung.
Damit wäre der Strom nicht mehr primär durch klassische Cooper-Paare aus Elektronen getragen, sondern durch diese exotischen Quasiteilchen.
Magnetismus und Supraleitung im selben Bild
Der entscheidende Clou:
- Der fraktionierte Quanten-anomale-Hall-Zustand selbst ist magnetisch und topologisch geordnet.
- Die daraus entstehenden Anyonen tragen die Signatur dieser Magnetordnung in sich.
Wenn nun genau diese Anyonen anfangen zu „superleiten“, können Magnetismus und Supraleitung als zwei Facetten desselben zugrundeliegenden topologischen Zustands verstanden werden – statt als konkurrierende Ordnungen, die sich gegenseitig zerstören.
Die Theorie sagt zudem spezifische experimentelle Signaturen voraus, etwa ungewöhnliche Muster von Wirbelströmen („vortex glass“-artige Strukturen), an denen sich die anyonengetriebene Supraleitung identifizieren ließe.
Anyonische Quantenmaterie: Ein neues Kapitel
Ein möglicher neuer Materiezustand
Wenn sich diese Interpretation bestätigt, wäre damit eine neue Klasse von Quantenmaterie etabliert – oft als anyonic quantum matter bezeichnet. Charakteristisch wäre:
- fraktionierte Ladungsträger (Anyons),
- topologische Magnetordnung,
- und eine Form von Supraleitung, die nicht aus herkömmlichen Elektronpaaren besteht.
Dieser Zustand wäre grundlegend verschieden von konventionellen Supraleitern oder bekannten magnetischen Materialien – und könnte ganz eigene Transport- und Stabilitätseigenschaften besitzen.
Verbindung zu topologischer Quanteninformation
Anyons – insbesondere nicht-abelsche Varianten – gelten seit Jahren als mögliche Basis für topologische Qubits, die gegen viele Störarten von Natur aus robust sind.
- Ein Material, in dem Anyons nicht nur existieren, sondern auch kollektiv supraleitend werden, wäre für Quantenrechner-Plattformen hochinteressant.
- Die Kombination aus Magnetismus, Topologie und Supraleitung in einem einheitlichen Rahmen könnte neue Architekturen für fehlertolerante Qubits anstoßen.
Damit verbindet die MIT-Theorie Grundlagenphysik mit einem klaren Anwendungspfad: stabile, skalierbare Quanteninformationstechnologie.
Pro & Contra: Was spricht für die Anyon-Erklärung – und was dagegen?
Argumente, die die Theorie stützen
Mehrere Punkte machen die anyonenbasierte Erklärung plausibel:
- Die relevanten Materialien zeigen bereits fraktionierte Hall-Zustände – ein klassisches Umfeld für Anyonen.
- Die Phasendiagramme mit schmalen Hall-Plateaus, flankiert von supraleitenden Bereichen, passen qualitativ zu einem Übergang von „frustrierten“ zu „beweglichen“ Anyonen mit unterschiedlichen Ladungsfraktionen.
- Andere mögliche Erklärungen müssten Magnetismus und Supraleitung als separate Ordnungen im selben System übereinanderlegen, was theoretisch oft fein abgestimmte Kopplungen erfordert.
Offene Fragen und Konkurrenzmodelle
Dennoch ist die Debatte nicht abgeschlossen:
- Direkte, eindeutige Messungen von Anyonen in diesen konkreten Materialien sind experimentell anspruchsvoll.
- Alternative Ansätze diskutieren auch unkonventionelle Cooper-Paar-Bildung in magnetischen Hintergründen oder elektronisch getrennte Domänen mit lokaler Koexistenz.
- Viele Details der mikroskopischen Wechselwirkungen in Twisted MoTe₂ und rhomboedrischem Graphen sind weiterhin Gegenstand intensiver Forschung.
Die nächsten Jahre dürften entscheiden, ob sich das anyonische Szenario als dominierende Erklärung durchsetzt oder Teil eines breiteren Theorie-Mixes bleibt.
Einordnung: Warum diese Arbeiten weit über ein Nischenphänomen hinausgehen
Test für unser Verständnis von Quantenmaterie
Die gleichzeitige Existenz von Magnetismus und Supraleitung in denselben zweidimensionalen Systemen ist mehr als eine Kuriosität. Sie zwingt die Theorie, bisherige Trennlinien zwischen Ordnungstypen zu hinterfragen und zeigt, wie reichhaltig das Phasendiagramm stark korrelierter Elektronensysteme tatsächlich ist.
Gelingt der Nachweis, dass Anyonen als fundamentale „Arbeits-Einheiten“ einer solchen Phase fungieren, wäre das ein Meilenstein für die Quantenmaterie-Forschung – vergleichbar mit der Entdeckung neuer Supraleiterklassen in früheren Jahrzehnten.
Perspektiven für Technologie und Anwendungen
Parallel eröffnen sich mögliche technologische Pfade:
- neuartige Supraleiter, die unempfindlicher gegenüber Magnetfeldern sind,
- topologische Plattformen für Quantencomputer,
- elektronische Bauelemente, in denen Magnetismus und verlustfreie Ströme gezielt kombiniert werden.
Noch ist viel Grundlagenarbeit nötig, doch die Richtung ist klar: Zweidimensionale Quantenmaterialien entwickeln sich zu Experimentierfeldern, in denen sich bislang unvereinbar geltende Eigenschaften kontrolliert zusammenbringen lassen.
Wenn „unvereinbar“ nur eine Zwischenstufe ist
Was lange als Widerspruch galt – Magnetismus und Supraleitung im selben System – entpuppt sich in zweidimensionalen, topologischen Quantenmaterialien als natürliche Folge einer tieferen Struktur: anyonischer Quantenmaterie.
Die Hypothese, dass fraktionierte Quasiteilchen mit 2/3‑Elektronenladung einen supraleitenden Zustand tragen können, während die zugrundeliegende Phase magnetisch bleibt, bietet eine elegante Brücke zwischen scheinbar inkompatiblen Phänomenen.
Bestätigen Experimente in MoTe₂, rhomboedrischem Graphen und verwandten Systemen diese Sicht, stünde nicht nur eine neue Klasse von Materiezuständen im Raum, sondern auch ein frischer Baukasten für Quantenhardware, die Magnetismus, Topologie und Supraleitung auf bisher ungeahnte Weise verbindet.







