Bitcoin-Miner entdecken ihre nächste Goldgrube – und sie hat mit GPUs statt mit Blocks zu tun. Während die Mining-Schwierigkeit weiter steigt und die Margen im klassischen Bitcoin-Geschäft schrumpfen, verwandeln große Betreiber ihre Standorte in heiß begehrte Infrastruktur für KI-Rechenzentren.
Vom Bitcoin-Insider zum KI-Zulieferer
Über Jahre war das Geschäftsmodell der Miner relativ simpel: günstigen Strom sichern, ASICs hinstellen, Hashrate produzieren. Heute sind vor allem die „Beifangwerte“ dieses Modells entscheidend:
- große, bereits erschlossene Grundstücke
- fertig erschlossene Hochleistungs-Stromanschlüsse
- Kühl- und Stromverteilungsinfrastruktur
- langfristige Stromlieferverträge in netzkritischen Regionen
Tech-Giganten wie Amazon, Microsoft oder Alphabet stehen unter massivem Zeitdruck, zusätzliche KI-Kapazitäten aufzubauen. Neue Rechenzentren zu planen, genehmigen zu lassen und ans Hochspannungsnetz anzubinden, dauert oft Jahre. Dagegen wirkt ein Deal mit einem Bitcoin-Miner, der bereits mit Hunderten Megawatt am Netz hängt, wie eine Abkürzung.
Für die Miner selbst ist der Schwenk attraktiv, weil sie damit:
- wegkommen von der Volatilität des Bitcoin-Preises,
- Planungssicherheit durch mehrjährige Colocation-Verträge erhalten,
- ihre Infrastruktur mit deutlich höheren Kilowatt-Erträgen monetarisieren können.
Core Scientific & Co.: Wenn Mining zum Nebengeschäft wird
Ein prominentes Beispiel ist Core Scientific. Das US-Unternehmen hat bereits 2024 seinen ersten großen KI-Hosting-Vertrag unterschrieben, woraufhin sich der Aktienkurs innerhalb eines Jahres vervierfachte. Inzwischen plant der Anbieter, bis 2028 komplett aus dem Bitcoin-Mining auszusteigen und sich ausschließlich auf AI/HPC-Hosting zu konzentrieren.
Der ETF CoinShares Bitcoin Mining, der die Aktien mehrerer börsennotierter Miner bündelt, spiegelt diese Verschiebung wider: Trotz eines schwachen Bitcoin-Jahres legte der Fonds um rund 90% zu – den Treiber sehen Analysten klar im KI-Narrativ. Noch besser laufen die Papiere jener Unternehmen, die bereits langfristige Verträge mit Hyperscalern wie Amazon oder Microsoft vorweisen können.
CleanSpark: Zwischen Flexibilität für das Stromnetz und KI-Campus
Nicht alle Miner kehren dem Bitcoin-Geschäft den Rücken. CleanSpark versucht, Mining und High-Performance-Compute (HPC) flexibel zu kombinieren.
Der Trumpf des Unternehmens: Mining-Farmen lassen sich bei hoher Netzlast sehr schnell herunterfahren und frei gewordene Leistung zurück ins Stromnetz speisen.
CEO Matthew Schultz beschreibt das so:
- Die ASIC-Farmen fungieren als „Stromschwamm“: Sie nehmen überschüssige Energie auf, wenn das Netz entlastet werden muss, und geben sie bei Engpässen wieder frei.
- Klassische KI-Rechenzentren hingegen müssen oft 24/7 mit extrem hoher Verfügbarkeit laufen und bieten diese Lastflexibilität kaum.
Gerade für Netzbetreiber ist dieses Demand-Response-Potenzial attraktiv – und verschafft CleanSpark eine Sonderrolle: als Hybridspieler zwischen Krypto, KI und Energiewirtschaft.
Warum nicht jeder Miner einfach zum KI-Hoster werden kann
Trotz der verlockenden Perspektive warnen Analysten, den Pivot zur KI-Infrastruktur nicht zu unterschätzen. Kevin Dede von H.C. Wainwright bringt es auf den Punkt:
Zwischen Bitcoin-Mining und echtem HPC-Betrieb klafft eine gewaltige Lücke – technologisch und organisatorisch.
Die wichtigsten Hürden:
- Hardware: Mining-Rigs (ASICs) sind Spezialgeräte, für KI werden teure GPU- oder ASIC-Cluster mit hoher Dichte benötigt.
- Kühlung: KI-Server erzeugen enorme Wärmelasten, die oft flüssigkeitsgekühlte Racks und aufwendige Gebäudeinfrastruktur erfordern.
- Netzwerk: HPC- und KI-Cluster brauchen extrem schnelle, latenzarme Netzwerke (Infiniband, 800G/1,6T-Ethernet), die weit über das hinausgehen, was klassische Mining-Farmen benötigen.
- Betrieb: AI-Workloads erfordern andere Sicherheits-, Service- und SLA-Standards – inklusive 24/7-Support, ISO-Zertifizierungen und komplexem Vertragsmanagement.
Kurz: Wer nur „billigen Strom und Container mit Minern“ hat, ist noch kein wettbewerbsfähiger KI-Hoster.
Risiken im KI-Boom: Was, wenn der Hype abkühlt?
Hinzu kommt, dass der KI-Markt selbst nicht risikofrei ist. Analysten verweisen auf:
- steigende Skepsis gegenüber überzogenen Bewertungen,
- enorme Kapitalbindung in Chips, Gebäuden und Strominfrastruktur,
- Unsicherheiten bei Regulierung und Nachfrageentwicklung.
Sollte sich das Wachstum der KI-Infrastruktur verlangsamen oder konsolidieren, könnten manche Miner zwischen zwei Stühlen sitzen: zu wenig wettbewerbsfähige Mining-Flotte und zu wenig hochwertiger HPC-Bestand.
Politische Dimension: Weniger Mining in den USA?
Eine interessante Nebenwirkung des Trends: Wenn US-Miner ihre Kapazitäten zugunsten von KI umwidmen, verlagert sich ein Teil der Bitcoin-Hashrate wieder stärker ins Ausland.
Das steht im Spannungsfeld zu politischen Zielen, alle Bitcoin möglichst „im eigenen Land“ zu schürfen. Befürworter einer starken heimischen Mining-Industrie warnen, dass dadurch:
- die geopolitische Kontrolle über die Hashrate sinken könnte,
- Standorte mit schwächeren Umweltauflagen an Bedeutung gewinnen.
Der Markt scheint dennoch eine klare Sprache zu sprechen: Investoren bewerten einen Megawatt KI-Rechenleistung derzeit deutlich höher als einen Megawatt Bitcoin-Mining-Kapazität.
Vom „Hash pro Sekunde“ zum „Kilowatt mit Optionen“
Der Umbau vieler Bitcoin-Miner zu KI-Infrastruktur-Anbietern zeigt, wie sich die Bewertungslogik verschoben hat:
- Zählte früher vor allem die Hashrate und der Break-even-Bitcoinpreis,
- rücken heute Stromanschlüsse, Standortqualität und Skalierbarkeit für HPC ins Zentrum.
Für einige Unternehmen wie Core Scientific dürfte der Pivot zur KI den Schritt von einem hochvolatilen, zyklischen Geschäftsmodell hin zu langfristig planbaren Cashflows bedeuten. Andere werden an den hohen Investitions- und Know-how-Hürden scheitern oder in hybriden Modellen landen.
Klar ist: Die Kombination aus Energie, Fläche und erschlossenem Netz macht Bitcoin-Miner zu begehrten Partnern der KI-Industrie. Wer es schafft, diese Karte konsequent auszuspielen, könnte am Ende mehr an Rechenleistung als an Blöcken verdienen – und damit tatsächlich eine neue „goldene Ader“ erschließen.







