29. November 2025

Der kosmische Ausreißer: Ein Objekt rast mit 2 Millionen km/h durch die Milchstraße – und niemand weiß genau, was es ist

Das internationale Team um Adam Burgasser (University of California San Diego) und das Citizen-Science-Projekt Backyard Worlds: Planet 9 hat im November 2025 einen sogenannten Hypervelocity-Star der L-Klasse entdeckt – einen braunen Zwerg, der mit mehr als 2 Millionen km/h durch unsere Galaxie jagt und in wenigen Millionen Jahren die Milchstraße verlassen wird. Die Entdeckung wurde im The Astrophysical Journal Letters veröffentlicht und ist erst der dritte bekannte Hypergeschwindigkeits-Braune Zwerg – und der schnellste überhaupt.

Was genau ist J1249+36?

  • Typ: Brauner Zwerg der Spektralklasse L (ca. 70–80 Jupitermassen)
  • Geschwindigkeit: ~560 km/s (ca. 0,19 % der Lichtgeschwindigkeit)
  • Entfernung: ca. 470 Lichtjahre
  • Aktuelle Position: im Sternbild Drache, Richtung galaktischer Norden
  • Zukünftige Bahn: verlässt die Milchstraße in etwa 80 Millionen Jahren endgültig

Braune Zwerge sind „gescheiterte Sterne“ – zu massereich für Planeten, zu leicht für Kernfusion. Normalerweise bewegen sie sich gemütlich mit 20–100 km/s durch die Galaxie. 560 km/s sind absolut anomal.

Wie kann ein Objekt so schnell werden?

Die Astrophysiker haben drei plausible Szenarien entwickelt:

  1. Dreifachsystem + Supernova Der braune Zwerg war Teil eines Dreifachsystems mit zwei massereichen Sternen. Einer explodierte als Supernova, der zweite wurde als Neutronenstern oder Schwarzes Loch weggeschleudert – und der braune Zwerg bekam durch die Gravitations-Schleuder den ultimativen Kick.
  2. Begegnung mit Sagittarius A* Eine enge Passage am zentralen Schwarzen Loch der Milchstraße (4,3 Millionen Sonnenmassen) hätte ihn ebenfalls beschleunigen können – allerdings liegt J1249+36 aktuell weit entfernt vom Zentrum.
  3. Dynamische Wechselwirkung in einem dichten Sternhaufen In jungen, dichten Kugelsternhaufen können enge Begegnungen Objekte hyperschnell machen. Das erklärt auch die anderen beiden bekannten Fälle.

Das Team favorisiert Szenario 1 – die Spuren eines ehemaligen Begleitsterns (vermutlich ein Weißer Zwerg oder Neutronenstern) sind noch sichtbar in der Bahnrekonstruktion.

Die Jagd mit Bürgerwissenschaftlern

Entdeckt wurde J1249+36 nicht durch ein Milliarden-Teleskop, sondern durch Freiwillige des Projekts „Backyard Worlds: Planet 9“. Sie durchforsteten Infrarot-Daten des WISE-Weltraumteleskops und fielen über die extreme Eigenbewegung des Objekts her: In nur 10 Jahren hat es sich um fast 10 Bogensekunden am Himmel verschoben – das ist, als würde ein Auto auf dem Mond an Ihnen vorbeirasen.

„Ohne die tausenden Augen der Citizen Scientists hätten wir dieses Objekt wahrscheinlich noch Jahre übersehen“, gibt Adam Burgasser offen zu.

Was das für die Astrophysik bedeutet

  1. Neue Population Es könnte deutlich mehr solcher Hypervelocity-Braunen Zwerge geben – sie sind nur schwer zu finden, weil sie kalt und dunkel sind.
  2. Test für Supernova-Mechanismen Die Geschwindigkeit passt exakt zu Modellen, bei denen ein Brauner Zwerg einen Rückstoß von einer asymmetrischen Supernova bekommt.
  3. Galaktische Archäologie J1249+36 ist ein Fossil: Seine Bahn lässt Rückschlüsse auf das Sternsystem zu, aus dem er vor vielleicht 100 Millionen Jahren herauskatapultiert wurde.

Vergleich der schnellsten bekannten Ausreißer

ObjektTypGeschwindigkeitUrsprung (vermutet)
J1249+36Brauner Zwerg (L)560 km/sSupernova in Dreifachsystem
CWISE J1249Brauner Zwerg (L)456 km/sKugelsternhaufen
LP 40−365Weißer Zwerg850 km/sTeilweise Supernova
US 708O-Stern (heiß)1.200 km/sDoppelstern + Supernova

Ausblick: Der Abschied in Zeitraffer

In etwa 80 Millionen Jahren wird J1249+36 die Fluchtgeschwindigkeit der Milchstraße endgültig überschreiten und ins intergalaktische Medium verschwinden – einer der wenigen Objekte, die unsere Heimatgalaxie tatsächlich verlassen. Bis dahin bleibt er ein leuchtendes (bzw. dunkel glühendes) Mahnmal dafür, wie brutal die Dynamik im Kosmos sein kann.

Für Sternfreunde: Das Objekt ist mit großen Amateur-Teleskopen im Infrarot gerade noch sichtbar – und bewegt sich schnell genug, dass man seine Bewegung innerhalb weniger Jahre messen kann.

Ein kosmischer Flüchtling

J1249+36 ist mehr als nur ein Kuriosum. Er ist ein direkter Beweis dafür, dass selbst „gescheiterte Sterne“ noch ein dramatisches Schicksal erleben können – hinausgeschleudert aus ihrem Geburtsnest mit einer Geschwindigkeit, die selbst Raumschiffe aus Science-Fiction blass aussehen lässt.

Die Milchstraße verliert gerade einen ihrer Bewohner – und wir dürfen live dabei zusehen.

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